Die Busfahrt

Es hatte wieder eine Schlägerei im Bus gegeben. Natürlich war niemand dazwischen gegangen. Alle schauten zu, wie die beiden Streithähne aufeinander eindroschen. Am Ende musste der ältere Herr, der versucht hatte, dazwischen zu gehen, mit einem Krankenwagen abgeholt werden, weil er einen Schlag mitten ins Gesicht abbekommen hatte. Erst da hatten die beiden Prügelnden von einander abgelassen. „Dummkopf“, dachte sie, „was gehst du auch dazwischen?“ Sie hatte kein schlechtes Gewissen, dass sie nicht dazwischen gegangen war, schließlich war sie eine Frau, und doch, die Schlägerei ließ sie nicht in Ruhe – was würde wohl passieren, wenn sie Hilfe benötigen würde? Wie die Leute da waren, als wäre nichts passiert, Blicke nach unten, bloß niemandem in die Augen schauen, den Nebenmann so wenig wie möglich berühren, keine Gesichtsregung zeigen, als wären Gefühle eine Schwäche. Schwäche, die man sich nicht erlauben könnte, weil sie Blicke auf sich zog. Bloß unauffällig bleiben, niemanden nerven, alles vermeiden, was Blicke auf sich zog. Blicke waren die Strafe im Käfig für den Menschen. „Menschen einsam unter Menschen“, dachte sie und nahm sich fest vor, sich nicht mehr einsperren zu lassen.
 
An der nächsten Haltestelle musste sie umsteigen; sie setzte sich neben einen jungen Mann und hatte schon den Mund aufgemacht, um ihn auf irgendetwas anzusprechen, doch da blickte sie sich um und sah, wie viele Menschen im Bus waren. Blick nach unten, die Füße des Nebenmannes nicht berühren und bloß keine Blicke auf sich ziehen.
 
Stefan Bormann

Der Augenblick

Er bemerkte, wie sich das Geräusch der Motoren langsam entfernte. Endlich. Seine Nerven waren in letzter Zeit nicht die besten, die ständige Lärmkulisse der Großstadt nagte an seiner Geduld. Er war dankbar für diesen kurzen Moment der Stille. Im Grunde war es nicht wirklich still, der Regen tropfte immer noch, doch es war eher ein sanftes Prasseln. Im Vergleich zum Gebrüll der Autos eine wahre Wohltat, ein einfach natürliches Geräuschbild. Er nahm sich die Zeit, sich umzusehen. Der Asphalt war dunkel und nass vom Regen und bunte Lichter spiegelten sich in den frisch gebildeten Pfützen. Ampel- und Reklameleuchten ergaben im Wasser ein buntes Farbenspiel, dass tatsächlich eine gewisse Ästhetik besaß. Die Straße funkelte regelrecht und ähnelte nun kaum noch der vielbefahrenen Kreuzung, die sie mal war. Der Wind wurde kälter und er war nun dankbar, seinen Mantel angezogen zu haben. Die Straße lag ganz friedlich da, nur noch der Regen war zu hören, wie er auf dem Boden aufschlug, dahinplätscherte, Pfützen bildete. Kleine Rinnsale schlängelten sich in Richtung der Gullys oder sammelten sich in der Mitte der Kreuzung. Ein leichtes Flackergeräusch ließ ihn aufmerken und den Blick nach oben richten, es stammte wohl von der Ampel. Er wandte sich wieder dem Regen zu, der ihn verzaubert hatte, er dachte darüber nach, sich zu der größer werdenden Pfütze zu begeben. Das Wasser besaß eine Eleganz, wenn die Tropfen kleine Wellen auslösten. So ausgiebig hatte er sich noch nie mit bloßem Wasser auf einer Straße beschäftigt. Was tue ich hier, fragte er sich. Haben mir der ständige Stress und Lärm so sehr zugesetzt, dass mich nun schon Regen in seinen Bann schlägt? Aber eigentlich war ihm diese Art der Ablenkung willkommen und er starrte weiter auf die Pfütze. Doch auf einmal schien der Boden leicht zu beben und er wandte den Blick zu Straße.
 
Fernes Grollen wurde laut und schwoll schnell an, während eine Reihe von Autos sichtbar wurde. Plötzlich kam ihm ein Gedanke in den Sinn: Der magische Augenblick würde gleich vorbei sein, wenn die Autos hier einträfen. Panik überkam ihn. Sollte er hier ruhig stehenbleiben, während die Fahrzeuge jede Harmonie dieses Regentages zerstörten? Sein Herzschlag nahm zu, das Blut pumpte in seine Schläfen. Das kann ich nicht zulassen, dachte er voll Furcht und rannte auf die Kreuzung, hin zur Pfütze. Er presste beide Hände auf die Ohren, um die Motorgeräusche nicht hören zu müssen, und fiel auf die Knie. Er musste es sich einprägen, die sich spiegelnden Lichter, die Tropfen, die kleine Wellen erzeugten. Schnell einprägen, bevor es vorbei ist, dachte er, während die Autos wie wilde Tiere auf ihn zustürmten.
 
Moritz Ahorner

Der Verkehr

Schon wieder sitz ich hier auf meinem Drehstuhl und schaue vor Langeweile aus dem Fenster. Ich mache das Fenster auf und schon strömt der Lärm durch das Fenster in mein Bürozimmer. Wenn wenigstens etwas frische Luft rein käme. Aber nein. Außer dem Geruch der Abgase an diesem schwülen Sommertag ist nichts zu riechen. Da fragt man sich doch, ob es überhaupt mal ein Ende haben wird. All dieser Lärm, die verschmutzte Luft, der meterlange Stau, die große Menschenmenge, muss das denn immer so sein? Kann man nicht einen Tag in seiner Kaffeepause das Fenster aufmachen und die brisante Frische anstatt der durch Abgase verunreinigten Luft einatmen? Kann man denn nicht der Stille zuhören und sich dabei kurz von der ganzen Arbeitsanspannung entspannen?
 
Die fünfzehnminütige Kaffeepause ist zu Ende und jeder begibt sich wieder an seine Arbeit. Noch vier Stunden, dann ist die lange Mittagspause an der Reihe. In der Zwischenzeit habe ich mehr als die Hälfte meiner Arbeit, die ich mir für heute vorgenommen hatte, erledigt. Vielleicht kann ich heute sogar früher Feierabend machen und mir den Abend zusammen mit meiner Frau mit einem schönen Kinobesuch gönnen. Oder doch lieber zu Hause eine DVD anschauen, anstatt mich wieder in den überfüllten Abendstunden durch den Verkehr zu quälen? Wahrscheinlich werden die Kinosäle auch protzend voll sein, schließlich ist heute ja Samstag, da bin ich mit Sicherheit nicht der einzige mit der Idee, ins Kino zu gehen.
Meine Freunde kommen zu mir an den Tisch und fragen mich nach einer gemeinsamen Mittagspause, wobei wir alle zusammen in das gegenüberliegende Lokal für ein zufriedenstellendes Mittagessen gehen.
 
Zwischen dem Büro-Gebäude und dem Lokal liegt eine zweispurige Straße. Die Ampel ist rot. Jedes Mal, wenn die Ampel rot ist, fang ich mit meinem Countdown bei zehn an und versuche genau bei null die grüne Ampel zu erwischen. Dieses Mal lag ich um drei Sekunden daneben. Na ja, jetzt laufen wir zu viert über die grüne Ampel, während die Autofahrer angehalten haben. Alle warten ungeduldig, bis die Ampel endlich wieder für sie auf grün umschaltet. Jetzt ist es soweit, die Füße waren schon startbereit auf den Gaspedalen. Alle düsen wie verkettet hintereinander her.
 
In dem Lokal haben wir uns einen Platz am Fenster ausgesucht. Von hier aus kann man den Fluss des Verkehrs sehr gut beobachten. Tagein tagaus, keiner kommt aus dem Verkehr heraus. Immer derselbe Zyklus. Die wenigen, die nicht fahren, müssen laufen. Jeder geht vorwärts. Keiner bleibt stehen. Nun ist die Mittagspause auch schon vorbei. Zurück an den Arbeitsplatz und die nächsten paar Stunden durcharbeiten, bis es endlich sechs Uhr ist und ich meinen Platz verlassen und mich auf den Weg nach Hause machen kann. Nun sitze ich am Steuer und warte ungeduldig auf Grün. Als endlich das erwartete Zeichen erscheint, tret’ ich auf das Gaspedal, als plötzlich eine junge Dame vor mein Auto springt…
 
Esma Aydin

Geschehnisse in einer Großstadt

Es klingelt, und er öffnet die Tür. „Hey, Vito! Lang’ nich gesehen.“ „Ja, stimmt, lang ist’s her. Was willst du, Niko?“, fragte Salvatore Franchello. „Was trinken. Nehmen wir meinen Wagen.“ Sie fuhren los, der Regen trommelte auf das dünne Blech des Daches des alten, schwarzen Lincolns, als die beiden Männer durch die menschenleeren Straßen New Yorks fuhren. „Und, wie geht’s dir so?“, fragte Salvatore den Mann, den er, geschätzt, vor zehn Jahren das letzte Mal gesehen hatte. „Bevor mein gesamter Bekanntenkreis umgelegt wurde oder danach? Diese Sache, mit dem Hotel, darüber weißt du nicht zufällig was?“ In Salvatores Kopf spielte sich die Szene ab: Er, in der Uniform des Reinigungspersonals, in der Rechten die Beretta, vor ihm der in seinem eigenen Blut liegende Capo Gianluigi Golcetti mitsamt seinem Gefolge und dem damaligen Bürgermeister, Leif Tåmpson. „Ich weiß nicht, wovon du redest.“ „Ist auch egal, hast nur deine Arbeit gemacht. Aber tu mir einen Gefallen: Leg dir beim nächsten Mal ´ne bessere Tarnung zu als den peinlichen falschen Bart – du dämlicher Idiot warst meilenweit zu erkennen.“ „Können wir nicht ein anderes Mal darüber reden? Oder am besten gar nicht mehr?“ Salvatore war leicht gereizt, das Gespräch gefiel ihm nicht. Schweigend ergriff den ledernen Innenraum der Limousine. Sie fuhren durch China Town, alte Mütterchen guckten aus dem Fenster, ein paar Triaden standen, dem Regen zum Trotz, auf dem Bürgersteig und schauten finster drein. „Was für ein Loch diese Stadt geworden ist, hätte nicht wiederkommen sollen“, sprach Salvatore schmunzelnd. Der Wagen hielt vor Vito’s, sie stiegen aus und setzten sich hin. „Also, was willst du nun?“ „ Musst mir bei was helfen.“ „Geh doch zu Mike.“ „Der alte Scheißkerl kann mir gestohlen bleiben. Erinner’ dich an die alten Tage!“ „bene, was willst du?“ Niko steckte sich eine Zigarre an, lehnte sich zurück und sagte. „Hab ne neue Branche, Immobilienhandel, so wird man heute reich. Hab noch einige Kohle von früher, will da was aufbauen. Da stehen nur diese alten Baracken von den Latinos. Muss irgendwie den Abriss organisieren, brauche dabei Hilfe.“ Vito runzelte die Stirn und lehnte sich zurück. Der Regen prasselte weiter gegen die dünnen Fensterscheiben
 
Marlon Gönnert

Morgen ist auch noch ein Tag

6.52h, kalt duschen macht wach wie nichts anderes. Acht Minuten später klingeln die Glocken der Kirche. Frühstück. Eine kurze Oase am Morgen, zumindest für mich. Kaffee, Butter, Honig, Müsli, Radio? Zähne putzen, Rucksack gepackt, ach ja, das Wasser, 7.39h, bis heute Nachmittag! Heute im Programm: Viktoria, Luise, Burg. In der Reihenfolge. Kurz vor knapp da, guten Morgen, wie war dein Wochenende? Dann kann’s ja losgehen, zwei Stunden Wertewandel, Individualisierung, Kirche, Gesellschaft. Diskussion zum Morgen, Ende. Bist du mit dem Roller da? Geh ich halt alleine… Drei Minuten vor da. Klo, Spiegel, Augenringe sind inzwischen weg, Haare verwischt vom Wind. Reziproke Funktionen dürfen’s sein und die Quotientenregel hinterher. Sture Mechanik nach Regeln entspannt. Manchmal. Hab nen Apfel dabei, gönn dir! Morgen fällt der LK aus, eins der größten Gefühle, das der Bismarckplatz zu bieten hat. Rüber jetzt, ist ja schon zwanzig vor. Schafft man! Licht ist kaputt, wir haben unten. Galvanische Zellen, Elektrochemie und Korrosionsschutz. Spannend, aber anstrengend. Ende aus, ab zur Bahn, neun Minuten lesen, fünf Minuten zu Fuß, Essen, Endlich! Zeit, Ruhe, Facebook irgendwann, dann noch Zeitung, Hausaufgaben? Morgen Klausur. Oase am Nachmittag: Warmer Kakao mit Keksen, Glücksgefühle hoch 27. Gymnastik, Fernsehen? Gibt ja Internet. Essen, macht schon Laune. Lange aufbleiben, obwohl man weiß, dass der nächste Tag darunter leidet. Gemütlicher Bettbezug, Licht aus, Revue, Träume, ach ja, daran muss ich auch noch denken, Ratz, weg.
 
Janne Linder

Schülerarbeiten

In der linken Spalte finden Sie Texte von Schülern zum Thema "Großstadt", die aus dem Literaturkurs hervorgegangen sind.
 
Die Busfahrt
von Stefan Bormann

Der Augenblick
von Moritz Ahorner

Der Verkehr
von Esma Aydin

Geschehnisse in einer Großstadt
von Marlon Gönnert
 
Morgen ist auch noch ein Tag
von Janne Linder