Herzhaft hirnlos

Mein Herz sagt: „Es ist Liebe!“
Doch mein Hirn ruft: „Bist du blind?
Das sind alles nur Hormone,
Die uns zu Kopf gestiegen sind.“
Doch das Herz seufzt: „Ganz bestimmt nicht,
Denn ich weiß doch, was ich sehe.
Ich will hüpfen, singen, tanzen,
Weil nur ich den Mensch‘ verstehe.“
Das Hirn schüttelt den Kopf
Und atmet ganz tief ein.
„Das ist nur Dopamin.
So schwer kann das doch nicht sein!
Ein Neurotransmitter, den das blinde Herz nicht kennt.
Selbst die wenig Schlauen wissen,
Dass man das ‚Glückshormone‘ nennt.“
„Lass mich in Ruhe mit dem Unsinn!“,
Ruft das Herz ganz außer sich.
„Es ist die wahre Liebe.
Doch du siehst es einfach nicht!“
„Ich sage es noch einmal.“,
Holt das Hirn zur Antwort aus.
„Das ist alles biochemisch.
Endorphine strömen aus!

Das sind die Pheromone,
Ein einfaches Prinzip.
Der Mensch kann dann nicht anders
Und folgt stets seinem Trieb.
Du solltest auf mich hören,
Denn die Wissenschaft siegt immer!
Du verstehst doch nichts von Logik,
Du naives Herzgeflimmer!“
„Ihr Hirne seid doch alle gleich.“,
Sagt das Herz und ruft heraus:
„Nur wir Herzen sind verschieden
Und das macht den Menschen aus.“
Das Hirn hat keine Lust mehr.
„Ich red‘ vor eine Wand.
Doch bist du erstmal gebrochen,
Habe ich die Oberhand!“
Und somit setzt das Herz sich durch,
Während die Logik weiter schrumpft.
Dies ist des Menschen Laster,
Wider Ratschlag und Vernunft.

Jaqueline Bosler

Lebe jeden Tag

A: Du? Darf ich dir eine Frage stellen?
B: Ja klar, schieß los.
A: Mir ist aufgefallen, dass du immer gut gelaunt bist. Du ziehst dein Ding durch und genießt dein Leben, egal was passiert. Ich habe es auch versucht, aber bin erfolgreich gescheitert. Wie machst du das?
B: Weißt du, es ist nicht so schwer.
Das Einzige, was ich tue, ist, das Leben mit dem Herzen zu sehen.
A: Mit dem Herzen sehen? Das ist doch nicht möglich!
B: Doch, es ist möglich. Du darfst es nicht wörtlich nehmen.
Es bedeutet für mich, nur das Gute in den Menschen und im Leben zu sehen.
A: Dann ist man doch naiv!
Das Leben ist nicht immer schön und manche Personen erst recht nicht!
B: Ja, das ist mir bewusst. Du musst das gesunde Mittelmaß finden.
Wenn dein Verstand sagt, dass eine Person hinterhältig ist, dann bringt es nichts, an ihr alles schön zu reden, nur, weil man sich vorgenommen hat, herzsichtig zu sein.
Das ist natürlich Quatsch.
A: Was meinst du dann?
B: Man soll nicht nur die negativen Dinge im Leben in den Vordergrund stellen.
Natürlich hat jeder einen schlechten Tag, auch ich, aber es sollte kein Dauerzustand sein.
Das Leben ist zu kurz, um sich über alles zu ärgern. Mache das, was du willst, hab Spaß und zeige den Menschen, die dir wichtig sind, dass du sie liebst und schätzt.
Lebe jeden Tag so…
B: …als ob es mein letzter wäre?

Erika Ntungwanimana

Endstation

Wie jeden Morgen sitze ich verschlafen im Zug und genieße noch meine Schlaftrunkenheit. Ich bin auf dem Weg zur Schule, also, warum soll ich mit besonderem Eifer auf die Ankunft am Bahnhof warten. Dennoch hetze ich mich jeden Morgen im Bad ab, und erst, wenn die Frisur sitzt und die Klamotten richtig liegen, geht es los. Aber nicht im Normalen, ich muss schließlich noch die Bahn um halb acht bekommen, also spute ich mich. Irgendwie paradox, nicht wahr? Ich könnte mit dem Auto fahren und mir Zeit lassen.
Morgens, wenn ich in die noch leere Bahn einsteige, setze ich mich immer auf den gleichen Viererplatz, immer in Fahrtrichtung mit meiner Schokoladenseite zur Tür zeigend, na ja, falls ich die morgens überhaupt habe.
Fünfzehn Minuten, sechs Haltestellen und zwei gewonnene Kämpfe gegen das erneute Einschlafen später ist es soweit, die Haltestelle, wo sie einsteigt. Die Tür geht auf und da tritt sie auch schon in die Bahn ein. Der Grund für mein Nickerchen gleich in Literatur, der Grund für meinen morgendlichen Sprint zur Bahn, der Grund für die quälenden Fragen, die mir den Schlaf verbieten. Ihr blondes welliges Haar, ihre großen blauen Augen, ihr süßes Gesicht, ihre langen Beine und die ewig wechselnde Farbe ihrer Schals. Wie heißt sie? Wie alt ist sie? Auf welche Schule geht sie? Wo geht sie feiern? Hat sie Haustiere? Hat sie einen Freund? Auf alle diese Fragen habe ich keine Antwort. 
Ich weiß nur eins, sie ist ein Traum!
Sie sitzt immer schräg gegenüber von meinem Vierer auf dem äußeren Platz. Manchmal macht sie gestresst ihre Französisch-Hausaufgaben, oder guckt einfach nur verträumt in der Gegend herum. Hin und wieder treffen sich unsere Blicke für ein paar Sekunden, doch dann lassen wir unsere blinden Augen belanglos durch die Bahn wandern. Kein Lächeln, kein Zwinkern. Ich würde sie gerne ansprechen, nur nach einem Treffen im Café fragen. Doch wenn sie mich abblitzen lässt, könnte das auf die Dauer unangenehm in der Bahn werden. Na ja, immerhin hätte ich dann einen Grund das Auto zu nehmen. Verdammt - sonst bin ich nicht auf den Mund gefallen!
Heute spreche ich sie an! Heute frag ich sie! Was hab ich schon zu verlieren? Ich stehe auf und geh zwei Schritte, schon stehe ich vor ihr. Sie schaut mich an. „Hallo", sage ich, weiter komm ich nicht, denn sie lächelt mich an. Und schon ist mein Herz vom Mund in den Kopf geflüchtet. Ich bekomme kein Wort raus. Wie von einem Auto überfahren.
Und da sind wir schon. Endstation.

Leander Piechaczek

War sie herzsichtig?

Trafen sich Frau und Mann
hatten, was man nennt ein Date sodann
Das war ein romantisches Dinner!
Er wollte sie für immer
So warb er und hielt an um ihre Hand
Doch sie lehnte ab mit Dank
Sie sagte, er zeige nicht sein wahres Wesen
Sei nicht so nett und belesen
Und sie hatte Recht.
Er war garstig und schlecht
Doch wie konnte sie es wissen?
Erklärungen müssen wir missen.

War sie herzsichtig?

Sven Wöhrmann

Im Krieg

Dieser Text fällt aus dem Rahmen. Eine andere Zeit, eine andere Geschichte – doch auch in ihr geht es um „Herzsichtigkeit“. Der Kurs hat sehr lange darüber diskutiert, ob und wie er zu veröffentlichen wäre. Der Autor hat sich dafür entschieden.

„OK, Männer! Habt ihr eure Aufgaben verstanden?”. „Ja, General Schneider!" riefen wir. Es war meine erste Woche im Krieg. Ich habe es mir anders vorgestellt. Direkt nach meinem Schulabschluss bin ich dem Ruf der Armee gefolgt. Ich war überzeugt von der Idee eines weltweiten Deutschen Reichs. Doch nun stehe ich in Warschau und habe Gewissensbisse. Nachts höre ich die Schreie der Soldaten, die ich getötet habe. Ich frage mich, ob sie auch Familie hatten, die sie nun vermissen. Hatten manche vielleicht auch schon Kinder? Dann ging es los: „Auf ins Ghetto! Jetzt bekommen die Drecksjuden endlich, was sie verdienen!" Mir wurde übel. Trotzdem rannte ich mit meinen Kameraden in das Viertel. Was ich sah, übertraf meine schlimmsten Erwartungen. Überall wurden hilflose Menschen zusammengeschlagen und erschossen. Ich musste hier raus. Doch wie? Überall Leichen und hilfesuchende Menschen. Dann sah ich ein Loch im dichten Gemäuer. Ich sah die Juden mit ihren todesängstlichen Gesichtern und rief: „Mir nach!". Mit letzter Kraft liefen sie hinter mir her. Nach einem sich endlos anfühlenden Marsch waren wir außerhalb des Ghettos angekommen. Wir hatten es geschafft. Dachte ich. Doch es stand einer meiner Kameraden vor mir mit wutverzerrtem Gesicht. „Du Sau!", schrie er. Er drückte ab. Seine Wut war das Letzte, was ich gesehen, gefühlt oder gehört habe.

Christoph Wötzel

Schülerarbeiten

In der linken Spalte finden Sie Texte von Schülern, die zu den Gewinnern des Schreibwettbewerbs "herzsichtig?!" gehören.
 
Herzhaft hirnlos
von Jaqueline Bosler
 
Lebe jeden Tag
von Erika Ntungwanimana
 
Endstation 
von Leander Piechaczek
 
War sie herzsichtig?
von Sven Wöhrmann
 
Im Krieg
von Christoph Wötzel